Annäherung wäre ein Gewinn für werdende Eltern
Thuner Tagblatt, Dezember 2008
Ich melde mich als Mann, Vater einer Tochter und Psychotherapeut zu Wort. Die Wahl der "Geburtform" wird für unsichere, werdende Eltern zunehmend schwieriger. Viele Mediziner empfehlen die Sectio, erwähnen dabei mögliche Geburtskomplikationen (z.B. Gewicht und Grösse des Babys) und setzen damit Eltern (vielleicht unbewusst) unter Druck. Wer will schon die Schuld tragen, wenn die vorausgesagten Komplikationen dann wirklich auftreten? Anders gesagt: Wer fährt mit einem Auto weiter, wenn der Garagist bei der Kontrolle mitteilt, dass es bald zu einem Bruch der vorderen Radachse kommen könnte.
Die lieben Mediziner-Kollegen unterschätzen dabei ihre Rolle als Fachpersonen. Zudem ist es leider nach wie vor so, dass oftmals nicht ein Austausch stattfindet, sondern das Machtgefälle zwischen Medizinern (den Wissenden) und Patienten eher zementiert wird. Eine Annäherung von Hebammen und Medizinern wäre wünscheswert. Dabei würde gegenseitiger Respekt und Transfair von Wissen unter diesen beiden Fachpersonengruppen für alle werdenen Eltern zum Gewinn. Dieser Balanceakt trüge auch dazu bei, dass die Geburt nicht auf einen "medizininsichen Eingriff" reduziert, sondern als natürlicher Vorgang, begleitet von fachlicher Unterstützung (Hebammen wie Mediziner), verstanden würde. Fakten gibt es wie so oft beidseits, Studien meist auch (hier zwar eher mehr auf der Seite der Hebammen). Sicherheit und Kontrolle sind auch bei einer Geburt nicht alles, es gilt, wie auch sonst im Leben, alle Faktoren sorgfältig miteinzubeziehen.
Jonas Baumann-Fuchs; Stadtrat EVP, Thun