Was könnte unsere Stadt weiterbringen?

Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die folgenden Zeilen viel Reaktionen auslösen können. Als Titel wäre auch „laut gedacht“ passend, denn genau dies tue ich als Gemeinderatskandidat in diesem Text. Keine der Ideen ist so geprüft, dass man diese „einfach so umsetzen“ könnte. Vielleicht sind einige der Ideen nicht einmal neu, eventuell wurden sie in der Geschichte Thuns sogar schon verworfen. Da mein Einblick selektiv ist, stelle ich auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Meine Vorschläge sind auch nicht ein abgesprochenes Politprogramm der EVP Thun.

All dies hinderte mich trotzdem nicht daran, Ihnen diese Ansätze mutig und teils provokativ einfach mal zu präsentieren. Über Reaktionen, kritisch, mitdenkend oder auch neue Ansätze und Ideen ins Spiel bringend, freue ich mich jetzt schon sehr.

Finanzen
Thun muss jährlich ein strukturelles Defizit von 10 Mio. Franken beseitigen. Das kann man eine gewisse Zeit aus dem Eigenkapital, bis Ende 2006 steigt aber der Bilanzfehlbetrag auf 18 Mio. Franken an. Das bedeutet kurz gesagt, die Selbstfinanzierung ist absolut ungenügend.

Darauf kann man mit unterschiedlichen Strategien reagieren, meiner Meinung nach braucht es alle möglichen Vorgehensweisen miteinander. Das heisst Massnahmenpakete im Sinne von Einsparungen, Einschränkungen von Dienstleistungen sowie Mehreinnahmen generieren, sprich den Selbstfinanzierungsgrad verbessern. Nur im absoluten Notfall würde ich eine Steuererhöhung in Betracht ziehen.

Der wichtigste und am wenigsten genutzte, aber wohl schwierigste Ansatzpunkt liegt auf der Gewinnung von neuen Firmen und „guten Steuerzahlenden“ für Thun. Dafür müssen Konzepte entwickelt werden, allenfalls auch mit Kompromissen. Die Frage ist, was die Stadt Unternehmungen und neuen Steuerzahlenden bieten kann. Wer mehr zahlt, will auch mehr. Dies hat sicher seine Grenzen, geben und nehmen sowie Solidarität sind da wichtige Leitplanken. Aus meiner Optik muss da das Wirtschaftsamt bessere und wahrnehmbarere Arbeit leisten.

Verkehr
Da geht es mir mit viel Kraft darum, die Umfahrung Nord voran zu treiben, deren Auswirkungen zu evaluieren und dann bei Bedarf die Umfahrung Süd anzupacken. Die Verminderung des Verkehrs in der Stadt muss das Ziel sein, erreichbar durch das Kanalisieren des Verkehrs auf wenige, gut ausgebaute Achsen. Der öffentliche Verkehr muss gestärkt, regionale Angebote besser verknüpft werden. Für die Velos sind mehr Abstellplätze nötig, auf wichtigen Strassen breitere Spuren und wo möglich und sinnvoll gar Velowege. Um Thun noch attraktiver zu machen, sollte der Uferweg Schadau dringend nochmals angepackt werden. Gesucht ist da nicht die „Goldlösung“, sondern ein finanzierbarer Ansatz. Als etwas luxuriöse ergänzende Idee, aber dennoch prüfenswert, schlage ich eine schifftaugliche (sprich schwenkbare) Fussgänger- und Velobrücke vom Schadaupark nach Hünibach vor.

Die Abklärungen der Parkhausplanungen (bei Thunerhof oder im Schlossberg) müssen mit Hochdruck vorangetrieben werden (Bedarf, Standort, Kosten-Nutzen...).

Sicherheit
Eine Studie zeigt, dass die Verbesserung der Abflussverhältnisse der Aare aus dem Thunersee wirkungsvolle Abhilfe bietet im Hochwasserschutz. Nebst dem Stollen liegen da also noch andere Möglichkeiten vor, Expertenmeinungen müssen da unbedingt berücksichtigt werden. Zur Sicherheit gehört ganz eng verknüpft auch die Sauberkeit – diese nimmt überall in der Schweiz ab. Als eine der ersten Massnahmen würde ich wohl die Abfalleimer an vielfrequentierten Standpunkten vergrössern, als Beispiel im Schadaupark. Im Bereich des Vandalismus und der Gewalt muss die Bevölkerung aktiver einbezogen werden. Ständig auffällige und involvierte Personen müssen in spezielle Programme und zudem durch Leistungen für die Stadt den angerichteten Schaden und die Kosten wenigstens teilweise wieder hereinwirtschaften. Für süchtige Menschen braucht es dringend eine professionelle Anlaufstelle, allein mit dem Verjagen ohne ein stützendes Angebot werden keine Probleme gelöst!

Das gute Leitbild der Stadt Thun im Bereich Integration muss Hand und Fuss erhalten. Integration beginnt vor allem auch mit der Kenntnis der deutschen Sprache, hier fehlen ansprechende, umfangreiche und verpflichtende Angebote. Wichtig ist zudem, dem Seniorenrat mehr Gewicht zu verleihen, anbetracht der zunehmenden älteren Bevölkerung sowieso.

Dass weiterhin Geld in soziale Programme und Angebote investiert wird, ist für mich unbestritten. Das ausgegebene Geld muss aber unbedingt nachhaltig eingesetzt werden. Stärkung der Familien, Unterstützungsangebote im Bereich Erziehung, Alltagsstrukturangebote für randständige Menschen, usw. Wer heute oder morgen nicht in die Gesellschaft integriert werden kann, kostet uns längerfristig viel mehr Geld! Viele Studien belegen, wer nicht arbeiten kann und keine Alltagsstrukturen hat wird krank. Praktisch sollte in Thun ein Label für Unternehmen entwickelt werden, die sich im Bereich dieser Integration von sozial schwächeren Menschen (durch Nischenarbeitsplätze, Anlehren und berufliche Grundbildung mit Attest usw.) engagieren. Wer dafür keinen Einsatz leisten möchte, kann dies, muss allerdings einen kleinen Beitrag in einen Fond bezahlen, der die sozial engagierten Unternehmen und die dazu gebrauchten Fachpersonen finanziert. Form, Inhalt, Bedingungen, Hilfe... müsste man noch genauer definieren.

Entwicklung
Selveareal, RUAG/VBS-Gelände und andere optimale Standorte gilt es so gut wie möglich zu nutzen. Das heisst gemeinsam mit den Besitzern attraktive Lösungen zu finden, damit neue Firmen und auch Steuerzahlende angezogen werden können. Ohne neue Einnahmen wird es eng, denn das Sparen ist immer begrenzt. Nützlich und präventiv schlechthin sind Investitionen in Kunst und Breitensport. Im Bereich Spitzenfussball sollten die finanziellen Auslagen der Stadt realistisch sein, immerhin geht es hier um ein gewinnbringendes Geschäft das nicht allzu stark von der öffentlichen Hand gestützt werden sollte.

Dringender Handlungsbedarf sehe ich im Kongress- und Kulturbereich, da gibt es für mich nur einen umfangreichen Um- und Ausbau des Schadausaals. Dann braucht es Ergänzungen im Hotelbereich, vor allem im oberen Niveaubereich. Da könnte der Schlossberg durchaus sinnvoll genutzt werden. Diese Massnahmen haben gemeinsam mit den schon vorhandenen wunderschönen Naherholungsgebieten und dem südländischen Ambiente der Aare entlang ein sehr grosses Einnahme-Potential. Der ehemalige Viehmarktplatz sowie der Raum rund um das Areal Grabengut erfüllen im Moment keine genügend wichtigen Rollen. Beide Orte brauchen eine Verbesserung der Attraktivität. Ich bin überzeugt, dass Thun nach der Umsetzung dieser Dinge touristisch eine wichtige Adresse werden kann und damit auch einen Teil des strukturellen Defizits auffangen wird.

Dienstleistung
Wichtig sind meines Erachtens die allgemeine Aufwertung unsere Kulturgüter und Anlässe sowie der bessere Einbezug von jungen Menschen in die Politik. Zudem braucht es dringend eine weitere Stärkung des Stadtmarketings im Bereich von überregionalen Projekten. Weiter als Ziel verfolgt werden muss die Flexibilität in den Anstellungen im Bereich Teilzeit auf allen Stufen.

Jonas Baumann-Fuchs

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