Im Korsett christlicher Moral
Im Alltag werden die Begriffe Moral und Ethik häufig synonym verwendet, sie sollten aber unbedingt auseinander gehalten werden. Moral meint die Gesamtheit (Umgangssprachlich wird Moral oft auf das richtige Verhalten im sexuellen Bereich reduziert.) von normativen (ausformulierten, hierarchisch strukturierten) Prinzipien, welche im Verlaufe eines längeren Anerkennungsprozesses in einer menschlichen Gemeinschaft als verbindlich erklärt werden. Somit wird erstens klar, dass jede grössere Volks- oder Berufsgruppe, jede Religion oder Weltanschauung ihre eigene Moral kennt. Dass jede Moral von Menschen formuliert wird, bedeutet zweitens, dass sie stets unvollkommen und niemals für die Ewigkeit gemacht ist. Sie wird sich deshalb innerhalb gewisser Grenzen im Laufe der Zeit verändern können. Moral ist im grossen Gebiet der Ethik ein zentraler Begriff und bedeutet “Sitte“ als auch “Charakter“. Die Ethik (ethos) hingegen versucht, in einem umfassenden Sinn die Frage nach “Gut oder Böse“, respektiv richtig oder falsch zu beantworten, indem sie eine Handlung oder Entscheidung nach bestimmten Kriterien oder Massstäben beurteilt.
Auf der Basis ethischer Grundsätze wird also eine Moral abgeleitet. Je solider die ethi-schen Grundsätze sind, umso zuverlässiger (bedeutet nicht absoluter) wird die Moral auch sein. In diesem Sinne versuchen alle Religionen ihre Moral in ihren Glaubenssät-zen zu verankern. Die Christen sind überzeugt, in der Bibel das von Gott offenbarte Wort vor sich zu haben. Der Rückbezug auf die Bibel ist daher feste Verankerung für eine Moral. Dadurch vermag eine Moral, obwohl durch Menschen formuliert, eine hohe Verbindlichkeit zu erlangen. Trotzdem bleibt sie, weil auf menschlicher Interpretation und einem Konsens beruhend, stets innerhalb gewisser Grenzen verbesserungsfähig und muss in einem ständigen Prozess auf Gottes absoluten Massstab ausgerichtet werden. Sie darf deshalb nie verabsolutiert oder mit der biblischen Autorität verwech-selt werden!
Soweit die theoretische Konzeption, die uns recht direkt auch zum Problem der Thematik bringt. Christen tendieren immer wieder dazu, so zu tun, als ob ihre Moral von Gott direkt gegeben und in Stein gemeisselt wäre. Darum habe ich meinen Text mit dem Titel “im Korsett christlicher Moral“ überschrieben. Wer will schon was gegen die Autorität Gottes einwenden? Und dann noch behaupten, eine Veränderung dieser Moral sei nicht per se schlecht?
Es ist darum dringendst notwendig, dass wir uns primär und intensiv mit christlicher Ethik beschäftigen. Denn selbst christliche Grundwerte verlangen von uns eine ständige Auseinandersetzung mit dem Umfeld und der Situation, damit die Übertragung und Anwendung gelingt. Dazu kommt und damit wird es noch komplexer, dass selbst trotz “gleichen Grundwerten“ unterschiedliche Ansichten möglich sind, wie eine gesetzliche Norm festgeschrieben werden soll.
Ich bin fest der Überzeugung, dass christliche Ethik nach wie vor hoch im Kurs ist und nur begrenzt dem Zerfall unterliegt. Mein Alltag ist geprägt von Menschen, die im Pluralismus unserer Zeit Grundlagenwerte suchen und Orientierungspunkte schätzen. Vom Zerfall – oder besser gesagt einer Relativierung betroffen ist die Moral – auch die christliche. Dies beurteile ich aber nicht nur negativ, denn dadurch wird endlich auch wieder einmal über die wirkliche Basis – die christliche Ethik gesprochen, aus der Moral der Absolutismus verbannt und Autorität Gottes in die richtige Dimension gesetzt.
Da kein Mensch frei ist von Gewissensklagen muss sich alle Ethik auch damit ausei-nandersetzen, wie der Mensch mit ethischen Mängeln, Schuld und der Kluft zwischen Sein und Sollen umgeht. Dadurch entstanden unterschiedliche Ansätze von Ethik. Der ethische Idealismus geht davon aus, dass ethische Forderungen ideale Ziele darstellen, die nicht jeder erreicht. Das eigentliche ethische Verhalten besteht hier nicht im Erfüllen aller Forderungen, sondern im stetigen Bemühen, der Erfüllung näher zu kommen. Die Situationsethik vertritt die Meinung, dass Handeln nicht von immer gleich gültigen Normen bestimmt ist, sondern von den Erfordernissen der jeweiligen Situation. Reine Gesinnungsethik geht davon aus, dass nicht die vollbrachte Tat, sondern nur die Gesinnung beim Handeln zählt. Angesichts des Pluralismus unserer Tage wird vielfach eine Verantwortungsethik gefordert, bei der sich das Individuum möglichst von vorgegebenen Normen freimachen und in individueller Verantwortung handeln soll.
Eine christlich orientierte Ethik (Wertethik: Sie geht von der Existenz überindividu-eller, übermenschlicher Werte aus, die dem Menschen erkennbar sind, und an denen er sein Verhalten orientieren soll.) sollte alle Versuche, die ethischen Probleme zu lö-sen, ernst nehmen, jedoch gleichzeitig ethische Fragestellungen von biblischem Hin-tergrund betrachten. Alle Spannungen, alles Schuldigwerden, alle ethische Ratlosigkeit hängen nach christlicher Sichtweise ursächlich mit der sündigen Natur des Menschen zusammen. Die Gebote werden damit helfender Rahmen, innerhalb dessen sich das neue Leben in Christus vollzieht. Sie sind nicht eine fremde Macht, unter die der Mensch kommt, sondern Ausdruck des Lebens, wozu Gott den Menschen geschaffen hat. In der Bindung an Christus sind Christen eingebunden in etwas, das ihr Wesen ausmacht, kommen sie wahrhaft zu sich selbst. Dabei entsteht keine kleinliche Vor-schriftenethik, sondern ein Rahmen des Handelns. Was im Einzelnen zu tun ist, darf der Christ in der Kraft des Geistes Gottes und im Gebet vor Gott prüfend erkennen.
Christlich ist, was von Christus kommt. Sich auf Christus einlassen ist nicht eine statische Norm, ein Einhalten von Moralvorstellungen und -forderungen, sondern eine dynamisches “Sich-Bewegen-Lassen“. Christliche Werte werden nicht festgeschrieben, sondern entstehen auf dem Weg der Nachfolge Christi, geleitet vom Geist Gottes der lehrt und korrigiert – im Sinne der Erneuerung von Geist und Herz. Gottes Werte verändern sich nicht, darum sind sie konservativ, andererseits aber eben auch revolutionär, da sie den Menschen mit seinen Bedürfnissen höher achten als die Buchstaben.
Jonas Baumann-Fuchs